Dehnen und das Nervensystem – wie werde ich beweglicher?

Oft liest und hört man etwas über den Zusammenhang von Bindegewebe und Dehnungen, vor allem über Begriffe wie Faszien wird diskutiert. Wenn wir allerdings etwas über den Tellerrand hinausschauen, wird schnell klar, dass es noch weitere Faktoren gibt, die die Beweglichkeit und Dehnfähigkeit beeinflussen. Dazu zählt auch das Nervensystem. Das menschliche Nervensystem kann in zentrales Nervensystem (ZNS), zu dem das Rückenmark, als auch das Gehirn zählen und dem peripheren Nervensystem unterteilt werden. Darüber hinaus zählen das vegetative, als auch das somatische Nervensystem ebenfalls dazu. Das periphere Nervensystem stellt die Verbindung zwischen dem ZNS und den einzelnen Organen dar. Periphere Nerven können Informationen erwerben, weiterleiten und speichern, wobei sie Informationen nur in eine Richtung weiterleiten. Über afferente, zum ZNS hin und efferente Bahnen, vom ZNS weg. Periphere Nerven sind deshalb so wichtig für die Beweglichkeit, weil sie von Bindegewebe namens Epineurium umhüllt werden. Nerven besitzen über Dehnungen eine gewisse Toleranz. So können Nerven zwischen sechs und 20% gedehnt werden, ohne dass sie einen Schaden davon tragen. Zum Schutz der Nerven tragen die wellige Anordnung, als auch elastische Eigenschaften bei. Die anatomische Lage erhöht ebenfalls die Toleranz. Denn Nervenbahnen verlaufen mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel den N. Ischiadicus (Hüftgelenk), meist auf der Beugeseite von Gelenken. Daher werden Nerven durch Beugung der Gelenke meist entspannt und durch Streckung gedehnt. Faktoren, die die Dehneigenschaft von Nerven negativ beeinflussen können, sind beispielsweise entzündliche Prozesse, Fehlernährung, Narbengewebe, fortgeschrittenes Alter und falscher Ehrgeiz im Training. Ob nun Dehnungen ebenfalls zur Verlängerung der Nerven führen ist fraglich. Beim Menschen liegen dazu keine Befunde vor. Eventuell verbessert sich durch regelmäßiges Dehnen die Gleitfähigkeit der Nerven. Unwahrscheinlich dagegen ist eine dauerhafte Verlängerung. Allerdings ist über das Dehnen von Nerven im Vergleich zur Muskulatur oder dem Bindegewebe nur wenig bekannt. Fest steht allerdings, dass das Nervensystem Einfluss auf die Beweglichkeit, als auch Dehnfähigkeit besitzt.   Zentrales Nervensystem Alle Informationen aus Gelenken und verschiedenen Gewebearten gelangen zum zentralen Nervensystem. Ob die Muskulatur dadurch innerviert wird, hängt davon ab, ob die Informationen in das Bewusstsein der Person gelangt. Bleibt das zentrale Nervensystem über einen langen Zeitraum stark erregt, kann es dazu kommen, dass die Muskulatur sich „versteift“ anfühlt. Darüber hinaus erhöht sich die Aktivität der sogenannten Muskelspindeln.   Peripheres Nervensystem Das Ausmaß des aktiven gegenspannens der Muskulatur gegenüber Dehnungen wird nicht nur durch zentral nervöse Einflüsse bestimmt. Gelenke und das herumliegende Gewebe sind über Blut- und Lymphgefäße genauso wie das Nervensystem mit der Muskulatur verbunden. Dadurch nehmen verschiedene Faktoren Einfluss auf die Muskulatur unter Dehnungen. Vor allem Fehl- und Überlastungen mit folgenden entzündlichen Prozessen, wodurch sich Metaboliten des Entzündungsstoffwechsels anhäufen, beeinflussen den Widerstand.   Rezeptoren Um zum Beispiel die metabolischen Einflüsse und mechanische Spannung zu messen, existieren diverse Rezeptoren. Dazu zählen Muskelspindeln, freie Nervenendigungen, Ruffini Körper, Golgi Organellen und Vater Pacini Körper. Diese Messorgane befinden sich sowohl im aktiven, als auch im passiven Bewegungsapparat. Deshalb ist die Unterteilung zumindest, zu hinterfragen. Da auch zum Beispiel Kapsel- und Bandgewebe an der Rezeption beteiligt sind. Dehnungen führen dabei zu Erregungen dieser Rezeptoren, die uns wiederum helfen Winkelstellungen von bestimmten Gelenken wahrzunehmen damit wir uns im Raum orientieren können. Für Dehnungen sind vor allem Mechano- und Thermorezeptoren wichtig.   Fazit Das Nervensystem ist sehr komplex und bis heute nur in wenigen Details verstanden. Daher sind pauschale Aussagen zur Vereinfachung dieser Thematik nicht angemessen und führen teilweise nur dazu, dass abwegige Empfehlungen bei der Entwicklung und Bewertung diverser Dehnmethoden getroffen werden. Da die Strukturen, die die Beweglichkeit begrenzen, nicht immer eindeutig sind, ist eine generelle Aussage wie: „Bei dieser Übung wird jene Muskulatur gedehnt immer im Einzelfall zu überprüfen“. Zum Beispiel kann schlechter Stuhlgang sich negativ auf die Hüftbeugemuskulatur auswirken, die sich dann scheinbar „verkürzt“ anfühlt.  
  1. Alter, M. J. (2004). Science of Flexibility (3. Edition). Champaign: human Kinetics.
  2. bahler, A.-R. (1996). Orthopädischetechnische Indikationen. Bern: Hans Huber Verlag.
  3. Berg, F. can den (Hrsg) (2001). Angewandte Physiologie. Thieme: Stuttgart.
  4. Brügger, A. (1980) Die Erkrankungen des Bewegungsapparates und seines Nervensystems. Fischer: Stuttgart.
  5. Butler, D.S. (1995) Mobilisation des Nervensystems. Springer: Berlin.

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Stefan Santanius

Stefan Santanius

Ursprünglich komme ich aus Friedrichshafen am Bodensee. Nachdem ich meine Laufbahn als Fußballer bereits früh im Alter von 19 Jahren aufgrund einer Verletzung, Fehldiagnosen und schlechter Behandlung beenden musste, entschied ich mich beruflich dem Sport treu zu bleiben und mich dementsprechend weiterzubilden, sodass ich die Person sein kann, die ich mit 19 gebraucht hätte. In Stuttgart besuchte ich eine Sportschule und absolvierte dort erfolgreich die Prüfungen zum Sportlehrer & Sporttherapeuten. Darüber hinaus besuchte und besuche ich weiterhin Fortbildungen um meinen ständigen Wissensdrang zu befriedigen. Ganz nach dem Motto „Wir sind alle Gesellen in einem Handwerk, in dem nie jemand Meister wird“. Bereits während meiner Zeit auf der Sportschule durfte ich Erfahrungen in der Arbeit mit Sportler unterschiedlichster Leistungsstufen sammeln. Heute gehören zu meinen Aufgaben die Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung-, Beratung sowie Betreuung von Sportlern verschiedener Sportarten. Meine persönliche Leidenschaft liegt im Krafttraining, dass ich seitdem 13. Lebensjahr regelmäßig betreibe.

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